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Aussichten in Richtung Ziel

  • Alpentour

Montag. In meinem 6-er Zimmer bin ich heute Nacht im Rifugio allein gewesen. Mein Fenster geht genau Richtung Osten. Als ich früh um halb sieben aufwache, sehe ich genau in den Morgenhimmel. Keine Wolke. Auch die Sonne ist noch nicht zu sehen.

Um acht stehe ich bepackt vor der Hütte. Heute geht mir mein Schatten voraus; es geht genau Richtung Westen. Und aufwärts. Es wartet mal wieder ein Pass auf mich. Die Nacht war frostig, stelle ich fest. Das Heidelbeerkraut, die Disteln, das Gras, alles hängt voller Eiskristalle. Für die Wanderschuhe ist’s gut, denn sie werden nicht nass. Ansonsten leuchtet mir auf dem ersten Stück vor allem langes, gelbes Gras entgegen, von der Sonne beleuchtet. Es macht die Wiesen weich und schön.

Am Pass auf 2550 Meter angekommen bin ich ein wenig enttäuscht. Ich sehe nur eine Bergkette weiter, schaue wie gegen eine Wand und bin irritiert. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Laut Höhenprofil kommt zwar noch ein Anstieg, aber irgendwie raffe ich das noch nicht. Erst mal steige ich ein Stück ab. Und denke, das meiste sei für heute erledigt. Jetzt kommt nur noch Abstieg und naja, eben ein bisschen Aufstieg. Was sich der Kopf so alles denkt und zurechtrückt … Unten kapiere ich dann, es kommt noch ein Pass. Ich muss die Wand vor mir hoch! Natürlich ist auch alles logisch und ich hätte es wissen können, aber was nicht sein darf, ist eben nicht. Im Gebirge aber schon.

Ich setze mich und esse noch einen Energieriegel. Vielleicht hilft das ja. Die Wand ist jedenfalls da, egal was mein Kopf und meine Lust dazu sagen. Ich staune nur, wie hilfreich es auf so einer Tour ist, die richtige Vorstellung zu haben. Und wie sehr mein Kopf mir doch Streiche spielt. Wenn ich weiß, ich muss 1500 Meter hoch, mache ich das. Wenn es aber nur 500 Meter am Tag sind, will ich auch keinen Meter mehr machen.

Am Ende komme ich auch diese Wand hoch. Der Weg ist ziemlich steil und blockig und ich muss aufpassen. Aber es geht. Währenddessen denke ich daran, dass die schwierige Passage, gepunktet auf der Karte, noch kommt. Oben stelle ich dann fest, dass ich sie gerade hinter mich gebracht habe. Mein Kopf spielt mir heute echt Streiche … Dafür ist die Aussicht oben grandios. Ich sehe die letzte Bergkette vor mir liegen, die mich vom Comer See noch trennt. Ich weiß genau, wo der See liegt. Das Ziel ist auf einmal so nah, so greifbar. Vier Wochen bin ich gelaufen auf dieses Ziel hin und jetzt kann ich es fast sehen. Irre!

Es ist mein Moment heute. Ich bin berührt, ergriffen, bewegt, kann es nicht glauben. Eigentlich sehen die Berge hinter mir spektakulärer aus, aber mir ist nicht nach zurücksehen. Ich blicke vorwärts, einfach nur vorwärts. Ich stehe auf dem Pass und heule, dankbar und zugleich demütig, denn ja, ich bin das alles gelaufen, aber dass alles so funktioniert hat, mein Körper, das Wetter … es ist nicht selbstverständlich. Es ist Geschenk. Und ja, ich bin noch nicht da, aber fast und ich kann das Ende schon sehen. Und weiß grad gar nicht, was ich damit machen soll.

Bergab sind plötzlich wieder Murmeltiere da, pfeifen mich an. Der Weg läuft über Wiesen und ich genieße es, dass der Abstieg nicht so steil ist. In etwa zwei Stunden werde ich beim Rifugio Scotti sein, dort Mittag essen und dann entscheiden, wie weit ich heute noch laufe. Denn das ist offen. Der Weg dorthin überrascht mich dann aber doch noch, denn plötzlich stehe ich auf einer Bergkuppe, auf der ich das komplette Tal südlich einblicken kann. Es ist das Haupttal, das direkt zum Comer See führt. Unten sehe ich Städte, Industrie. Es wäre die „Autobahn“ oder Schlechtwettervariante zu meinem Ziel.

Mein Weg biegt zur anderen Seite nach unten ab. Wenn es ein Weg ist. Der „Weg“ entpuppt sich als alter, ungepflegter, zugewachsener Wanderweg. Ich bin froh über die Stücke, die ich deutlich sehen und gut gehen kann. Zum Teil ist es aber auch wieder ein Querfeldein und ein Suchen, Falschgehen, Zurückgehen. Ohne GPS wäre ich verloren. Ich bin dankbar, dass ich es habe, aber es ist mühsam, an jeder Ecke das Handy zu zücken. Viele Leute sind hier definitiv nicht unterwegs. Wanderer habe ich heute noch gar nicht getroffen. Ich bin froh, als ich endlich meinen Mittagessenpunkt erreicht habe und freue mich über Gnocchi mit Butter, Brennnesseln und Salbei. Und entscheide mich, bis Cataeggio weiterzugehen. Ich merke, ich will weiter.

In Cataeggio schlage ich dann gegen vier auf und überlege. Ich muss in jedem Fall einkaufen. Ich habe so gut wie all meine Vorräte verbraucht. Ich merke aber auch, für heute reicht es eigentlich, auch wenn es schön wäre, noch etwas voranzukommen. Ich befrage BookingCom, finde etwas in meiner Preisklasse, schlage zu und bin froh. Jetzt nur noch einkaufen.

Zuerst suche ich mein Quartier und lande überraschend in einem komplett neuen Haus mit Zimmern, für die man glatt das Doppelte bezahlen müsste. Wow, das war mal wieder ein Geschenk! Alles ist so liebevoll, so durchdacht, so modern, so schön und warmtonig. Schade, dass ich morgen schon weiter muss! Dann mache ich mich auf den Weg zum Supermarkt – doch der ist ausgerechnet heute geschlossen. Hm, das wäre mein Abendessen gewesen … Ich stolpere zurück in mein Quartier und überlege, frage dann meine Gastmama. Sie fackelt nicht lang, sondern sagt mir einfach, dass sie mir um sechs Abendessen macht.

Als ich um sechs runterkomme, ist der Tisch gedeckt. Mit Tomatensalat, frisch aus ihrem Garten! Dazu Mozzarella, Brot, Käse, Eier. Ein wahrer Festschmaus und gerade Tomaten habe ich schon so lang nicht mehr gegessen. Sie sind einfach nur lecker!

Geduscht, mit vollem Magen und zufrieden liege ich später in meinem Zimmer auf einem bequemen Bett. Wie gut ich es doch habe! Danke Gott!


Stephanie Kelm

ist verheiratet und zu Hause im Taunus. Sie liebt es, schreibend und wandernd Gottes Welt zu entdecken, ist stolpernd unterwegs ins Vertrauen und immer wieder erstaunt, wie gut Gott ist.


2 Gedanken zu „Aussichten in Richtung Ziel“

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