„Es wäre mehr mit Gott drin gewesen“, denke ich. Ich wollte viel! Ihm nahekommen, nahebleiben. – Was wäre, wenn Gott es ganz anders sieht?
Ich sitze vor meinem Blatt Papier. Jahresrückblick. Es gäbe vieles zu schreiben. Aber ich will bei einer Frage bleiben, bei einem Thema: Wie gehe ich mit Gott aus dem Jahr 2025? Wie war mein Jahr mit ihm? Bin ich ihm nähergekommen?
Mein Blatt bleibt erst einmal weiß.
Ich habe einige Antworten in mir. Sie gefallen mir nicht. Ich denke, ich hätte Gott 2025 viel mehr mit hineinnehmen können in mein Leben. Stattdessen hat er oft den Kürzeren gezogen und ich habe mich vor allem um mich gekümmert und dass ich das mit dem Krebs irgendwie in den Griff kriege. Dabei ist er der große Arzt …
Beim Nachdenken über die Frage „Gott in meinem Jahr“ seufze ich innerlich. Ich weiß, es wäre mehr drin gewesen. Zugleich ist in mir der leise Eindruck, dass mein Fazit der Wirklichkeit vielleicht gar nicht gerecht wird.
Ich setze mich hin und entwerfe einen Brief. Einen Brief, den Gott jetzt vielleicht an mich schreiben würde …
Liebe Stephanie,
du mühst dich seit über einer Stunde ab, versuchst, dein Jahresfazit aufzuschreiben. Drei Anläufe hast du schon gemacht … Darf ich dir schreiben, wie ich unser Jahr sehe?
Für mich war es wirklich „unser Jahr“, auch wenn du jetzt vielleicht stutzt. Du sagst, du hast mich verloren, oft nicht an mich gedacht. Aber ich möchte dir sagen: Ich habe an dich gedacht. Ich war bei jeder deiner Recherchen dabei, bei jeder Frage, bei jedem Arztgespräch, bei jedem enttäuschenden Hinterher. Ich bin mit dir in alle Sackgassen gegangen, habe deine Tränen gesammelt und jedes Gebet gehört, das aus deiner Sicht keins war. Für mich war es eins.
Du bist manchmal sehr hart im Urteil über dich. Vermutlich hast du irgendeinen idealen Christen vor Augen, den es gar nicht gibt. Ich kenne jedenfalls keinen. Und selbst wenn ich um einen wüsste, würde ich ihn nie als Maß für dich heranziehen. Jeder ist anders. Und ich schau mir einfach immer nur dich und deine Geschichte an, deine Situation, in der du steckst, deine Wünsche, Sehnsüchte.
Es war kein leichtes Jahr für dich. Eine Krebsdiagnose steckt niemand so einfach weg. Du verlangst das, glaube ich, von dir. Ich nicht. Für mich darfst du auf der Suche sein und bleiben, Fragen stellen, hinterfragen. Dass du dabei an deine Grenzen kommst, ist normal. Das ist doch auch die Chance einer solchen Krankheit. Du lernst dich anders kennen. Und ich glaube, das hast du gemacht.
Du hast neue Seiten an dir entdeckt. Du hast entdeckt, was dir hilft und was nicht. Du hast gelernt, auf dich zu hören und dir zu vertrauen. Das ist wichtig.
Ich sehe bei diesen Sätzen deinen fragenden Blick. Nein, es geht im Leben mit mir nicht immer nur darum, mir zu vertrauen. Es geht auch darum, dass du weißt, wer du bist und wer nicht, was du kannst und was nicht. Und dass du merkst, ich habe dich wunderbar geschaffen und du darfst dir vertrauen.
Du bist eine sensible Frau. Das habe ich dir geschenkt. Manchmal ist dir das eine Last, weil du so viele Dinge spürst, von denen andere nicht einmal eine Ahnung haben. Aber es ist auch eine Gabe. Denn du merkst, wo Sachen nicht stimmig sind, gehst Dingen auf den Grund, hast Mut, deine eigenen Entscheidungen zu treffen, eigene Wege zu gehen.
Ich hätte dir dieses Jahr mehr hineinreden können. Du hast dir an vielen Stellen Zeichen von mir gewünscht. Ganz sicher hätte dir das manches leichter gemacht. Aber weißt du, in einer Krebstherapie geht es nicht immer nur um Richtig und Falsch. Es geht darum, dass du deinen Weg findest und gehst, Entscheidungen für dich triffst. Und auch wenn du es oft nicht gemerkt hast: Ich war immer dabei.
Für mich war es kein verlorenes Jahr mit dir. Ich habe mich gefreut, dass ich an deiner Seite sein durfte, dass du mir immer wieder Türen aufgemacht, mir deine Sehnsucht und Fragen entgegengeworfen hast.
Du verlangst von dir absolutes Vertrauen oder dass du immer an mich denkst, viel betest, Kraft für alle Menschen hast und Liebe. Aber damit hilfst du dir nicht. An diesem Maß kannst du nur scheitern. Ich habe es nie gesetzt.
Wir waren dieses Jahr zusammen. Wir haben es gemeinsam gemeistert. Wir haben es zusammen begonnen – wir haben es zusammen aufgehört. Ist es nicht das, worauf es ankommt in einer Beziehung? Und wie in jeder Beziehung gibt es Wellen. Es gibt Phasen, in denen man sich einfach nah ist, und es gibt die, wo es nicht ganz so intensiv ist. Aber die Beziehung ist doch deswegen nicht auf einmal gut oder schlecht.
„Nehmen Sie die Bewertung raus!“, erinnerst du dich noch an diesen Satz von deiner Therapeutin? Es ist mein Satz. Mach dir das Leben nicht so schwer mit Bewerten. Was ist ein gutes oder schlechtes Jahr? Was ein gutes oder nicht so gutes Jahr mit mir? Ich denke nicht in solchen Kategorien. Du musst kein guter Christ sein. Du darfst einfach Christ sein – zu mir gehören. Darum geht es doch!
Du musst mich nicht beeindrucken. Bei mir gibt es keinen Wettbewerb. Es kommt nur darauf an, dass ich bei dir bin. Und du bei mir.
Ich weiß, du hättest gern ein konkretes Fazit mit mindestens drei Punkten. Ich werde mir keins für dich ausdenken. Mein Fazit ist: Ich liebe dich. Und ich liebe dich genau wie vor einem Jahr.
Eine Bitte habe ich an dich. Versuche, unsere Beziehung leichtzunehmen. Hör auf, dich daran abzuarbeiten. Widersteh der Versuchung, mir oder dir etwas beweisen zu wollen. Tu Dinge für mich nicht aus Pflicht, sondern weil du Freude daran hast. Und wenn du keine Freude daran hast, dann erlaube dir loszulassen, damit die Freude wieder wachsen kann.
Kannst du dir vorstellen, einfach nur aus Spaß mit mir zusammen zu sein? Also nicht, weil du ewiges Leben haben willst oder Angst hast, verloren zu gehen. Einfach nur aus Spaß. Weil ich dich mag. Weil du mich magst.
Du hast die letzten Wochen mit so viel Freude gemalt. Du hast die Sonne genossen, die klare Luft und Kälte. Und manches Gespräch mit lieben Menschen. Da war Freude. Ich weiß, sie hat dir lange gefehlt. Sie war so vergraben in diesem Jahr. Aus vielen Gründen. Es ist schön, dass dir die Freude im Moment leichter fällt, dein Herz wieder leichter ist, es dir besser geht.
Es gibt Menschen, die sind Freude und haben ein sonniges Gemüt. Und es gibt Menschen, für die ist Freude nicht selbstverständlich, sondern schwer und manchmal sogar unmöglich. Lass die Freude in dein Leben, pflege sie, genieße sie. Dazu habe ich sie gemacht.
Lass dir die Freude nicht davon verderben, dass du meinst, du seist nicht gut genug oder es wäre kein gutes Jahr mit mir gewesen. Beides stimmt nicht. Du bist und bleibst mein Schatz. Meine Freude. Und ich wünsche mir so sehr, dass ich das auch für dich sein kann.
Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr. Ich bin bei dir. Versprochen.
Foto: pixabay | Paul Stachowiak
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