Ich habe einen Idealchristen in meinem Kopf sitzen. Er ist höchst engagiert in der Gemeinde. Er ist begeistert von Gott und mit Feuereifer dabei, wenn es um Mission geht. Er liest unheimlich gern in der Bibel und er liebt es, mit Menschen zusammen zu sein. Und er schaut immer gelassen und vertrauensvoll nach vorn.
Zugegeben, mein Idealchrist macht mich fertig. Ich werde seinem Anspruch an keiner Stelle gerecht. Trotzdem, und das ist das Verrückte, halte ich an ihm fest. Und ich meine, es wäre gut, wenn ich so wäre. Wenigstens ein bisschen.
In den letzten Tagen habe ich meinen Idealchristen unter die Lupe genommen. Und festgestellt: Was ich da im Kopf habe, ist ein buntes Sammelsurium aus über vierzig Jahren Freikirchenerfahrung, überzogenen Ansprüchen, schräger Bibelauslegung und der Tatsache, dass ich mich mit manchem an mir immer noch nicht versöhnt habe. Zugegeben, das ist ein ganzer Brocken.
Woher kommt mein Idealchrist?
Das erste Mal schmunzeln musste ich, als mir klar wurde: Ich habe einen Idealchristen im Kopf, aber ich kenne keinen. Allein das sollte mich stutzig machen.
Mein Idealchrist ist ein Anspruch, der über die Jahre in mir gewachsen ist.
Die Kirchengemeinde spielt für ihn eine große Rolle, weil in meiner Freikirche Engagement großgeschrieben wird. Wer Mitglied ist, ist im Idealfall – da ist er wieder – aktiv im Gemeindealltag. Wundert es mich, dass mein Idealchrist für die Gemeinde lebt?
Aus der Bibel hat sich mein Idealchrist vor allem Paulus herausgepickt. Ähnlichkeiten sind unübersehbar. Ich frage mich nur: Warum Paulus? Oder warum vor allem er? Es gibt doch so viele Nicht-Paulusse in der Bibel. Das zum Thema „schräge Bibelauslegung“.
Als Perfektionist bin ich voll von überzogenen Ansprüchen. Es ist also nicht verwunderlich, dass mein Idealchrist dies perfekt widerspiegelt. Die Worte „begeistert“, „Feuereifer“, „unheimlich gern“, „er liebt es“ und „immer“ zeigen das an. Doch welcher Christ, welcher Mensch ist immer und wirklich so?
Und zuletzt das angesprochene Mit-mir-versöhnt-Sein. Ja, ich mag mich. Trotzdem wäre ich manchmal gern anders. Kraftvoller, extrovertierter, vertrauensvoller, in Gemeindeevents aufgehender, überzeugter. Stattdessen ermüdet mich Gemeindetrubel oft nur und das Wort Mission löst zuverlässig den Fluchtreflex in mir aus.
Warum ist mein Idealchrist so mächtig?
Was also mache ich mit meinem Idealchristen? Warum schafft er es immer wieder, mich zu verunsichern und mir ins Ohr zu brüllen: „Du bist kein guter Christ. Du bist falsch. Du passt nicht ins System. Arbeite mal an dir.“
Ich erschaffe mir solche Idealbilder auch, halte an ihnen fest, weil sie mir vermeintlich Sicherheit geben. Sie versprechen mir Orientierung, Zugehörigkeit und Kontrolle – Dinge, nach denen ich mich sehne, Bedürfnisse, die ich habe.
Zugleich spüre ich, mein Idealchrist hilft mir nicht. Er killt mich. Und wenn ich ihm genau zuhöre, dann weiß ich doch, dass das nicht Gottes Stimme ist!
Hatte Jesus ein Idealbild?
Auf Paulus trifft meine Vorstellung vom idealen Christen ziemlich gut zu. Wenn ich diesen aber nach Jesus definieren müsste, würde die Beschreibung anders ausfallen. Dann wäre mein Idealchrist sozialer, weniger kirchenorientiert, vielleicht sogar rebellischer. Was wäre für Jesus der Idealchrist?
Paulus wollte bestimmt nicht, dass ich ihn als Messlatte für mein Leben benutze. Vermutlich wollte das nicht mal Jesus trotz seines „Folgt mir nach“. Wäre es ihm um Gemeindeengagement gegangen, hätte sein Leben anders ausgesehen. Wäre es ihm nur um eine Sorte Mensch gegangen, hätte er sich seine Jünger anders ausgesucht. Stattdessen war es ein bunter Haufen aus Extros, Intros, Zweiflern und Überzeugten, Ängstlichen und Hau-drauf-Typen. Und wenn Jesus tatsächlich ein Idealbild gehabt hätte – welcher seiner Jünger wäre dem wohl am nächsten gekommen?
So wie ich Jesus kenne, hat er Johannes nicht gefragt, ob er nicht mal ein bisschen mutiger wie Petrus sein könnte, oder Petrus, ob er nicht ein bisschen nachdenklicher sein könnte wie Johannes. Jesus hat die Jünger nie miteinander verglichen oder sie gegenseitig zum Vorbild bestellt. Er hat an keiner Stelle versucht, den idealen Einheitsjünger zu formen. Er hat sie genommen, wie sie waren, und ist mit jedem seinen Weg gegangen.
Was ist für Gott ein Christ?
Wenn ich dennoch das Bild eines Idealchristen zeichnen müsste, dann müsste dies unabhängig von Begabungen, Geschichte und Persönlichkeit sein. Dann müsste es alle Menschen einschließen können, niemanden ausschließen dürfen. Dann würde ich sagen:
Ein Idealchrist ist der, der Jesus liebt und mit ihm geht.
Jesus würde vielleicht ergänzen: Ja, der mich liebt und sich und seine Mitmenschen. Aber eben jeder auf seine Weise. Es gibt nicht den Einheitsmenschen. Nicht den Einheitsweg. Die Stillen und Nachdenklichen gehen anders mit Jesus als die Frohnaturen und Powerpakete. Und das ist in Ordnung so.
Gott liebt sie alle.
Das letzte Wort hat Gott
Das Bild vom Idealchristen in meinem Kopf ist schräg, unbiblisch und einseitig. Es ist von meinem Gemeindeerleben geprägt und meinem Anspruch. Doch was wäre, wenn ich einfach so, wie ich bin, mit Jesus gehen dürfte? Und wenn Jesus nicht durch meinen Idealchristen zu mir spricht, sondern diesen eigentlich am liebsten von meiner Festplatte löschen würde.
Er weiß ja, was der mit mir anrichtet. Dass er mich kaputtmacht. Lähmt. Verunsichert. Beschämt.
Wenn Gott eine Paulus-Kopie gewollt hätte, hätte er mich anders geschaffen. Stattdessen hat er mich so gemacht, wie ich bin. Und betrachtet mich freundlich mit liebevollen Augen, freut sich an mir und dem, was er mir Besonderes geschenkt hat.
Vermutlich werde ich meinen Idealchristen noch eine Weile mit mir herumschleppen. Und er wird immer wieder versuchen, mir ins Ohr zu brüllen. Doch ich darf ihn von seinem prominenten Platz freundlich an den Rand des Spielfeldes verweisen, ihm sagen: „Nein, du bist nicht die Hauptstimme in meinem Leben. Das letzte Wort hat Gott.“
Foto: pixabay | Kampmann
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