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Handyfrust und Walderlebnisse

Was ich heute zwischen 7 und 10 erlebt habe. Faszination, Frust, Gottes Fülle, Ärger über mich, Staunen, Dankbarkeit. Ein kurzer Bericht.

Donnerstag, 7:15 Uhr

Da heute in Hessen Feiertag ist und mein Mann dienstlich unterwegs ist, lasse ich es ruhig angehen. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Bad lande ich auf der Couch im Wohnzimmer. Mein Handy liegt von gestern Abend noch dort. Ich greife zu.

Instagram. Ich beantworte einen Kommentar, freue mich über neue Likes, scrolle mich durch Beiträge. Facebook. Es gibt neue Fragen zur Selbstständigkeit in einer Gruppe. Bei einer rolle ich die Augen, die andere interessiert mich. Ich lese.

Zuletzt noch YouTube. Weil ich gestern Pumuckl-Clips geschaut habe, werden mir weitere vorgeschlagen. Ich klicke nicht rein, scrolle mich aber kurz durch die Überschriften, lächle. Pumuckl ist einfach herrlich und macht gute Laune. Ich liebe den kleinen Kobold!

7:45 Uhr

Mir fällt auf, wie viel Zeit vergangen ist. Ich ärgere mich. Muss ich denn am frühen Morgen schon hinterm Handy kleben? Brauche ich wirklich Insta und Facebook als ersten Input? Natürlich nicht. Leider hat sich das in der letzten Zeit wieder bei mir eingeschlichen.

Ich stehe auf und ziehe mich an. Draußen scheint die Sonne. Ich spüre: Das einzig Vernünftige ist jetzt ein flotter Spaziergang. Um wach zu werden und das Internet abzuschütteln. Außerdem soll es später wieder regnen. Die Wetter-App hatte ich ja auch noch am Wickel …

Mit den Schuhen in der Hand betrete ich das Treppenhaus. Schnell kontrolliere ich, ob ich den Schlüssel wirklich dabeihabe. Dann laufe ich auf Socken hinunter. Die Schuhe sind noch dreckig von gestern und ich habe keine Lust, das Treppenhaus nachher zu fegen.

8:00

Ich bin im Wald. Und frage mich, warum ich das nicht schon vor einer Stunde gemacht habe. Die kühle Luft im Gesicht tut gut. Überall hängen Wassertropfen an den Blättern, das Grün glänzt vom Regen. Matschig ist es auch, aber das ist mir egal.

Eine Amsel sucht Frühstück und hüpft vor mir her. Links und rechts in den Blättern mampfen Schnecken. Der Weg ist schmal und weil alles in letzter Zeit so in die Höhe und Breite gewachsen ist, ist meine Jeans schon nass. Offensichtlich bin ich heute Morgen die Erste hier.

9:30 Uhr

Der Weg wird breiter. Ich höre plötzlich, wie viele Vögel hier eigentlich gerade singen. Chorstunde am Morgen. Alle wild durcheinander. Kreativ. Jeder so, wie er mag. Und klingt.

Und ich höre den Regen. Obwohl es nicht regnet, der Himmel blau ist, die Sonne scheint. Der Regen von vorhin tropft von den Blättern. Allerdings in solch einer Dichte, dass ich ihn im Gegenlicht sehen kann. Ich stehe da, lausche, staune, genieße.

Vielleicht ist es mit Gott auch so. Vielleicht schickt er Segen, nur spüre ich ihn manchmal erst später. Verzögert. Wenn er durch die Blätter zu mir heruntertropft.

Ich gehe weiter, bewege mich ein wenig. Ich kreise Schultern und Arme, ziehe mich in die Höhe und meinen Rücken in alle Himmelsrichtungen, strecke meinen Oberkörper nach links und rechts, spüre, wo es klemmt. Ich müsste mehr machen … Aber es tut gut und mir ist gerade nach Bewegung.

Wieder denke ich: Warum habe ich vorhin nur am Handy geklebt? Hier draußen ist es so schön.

8:45 Uhr

Ich bin auf dem Rückweg. Jetzt laufe ich einen Wiesenweg. Vorne liegt er noch im Schatten. Im Gras hängen Tautropfen wie Perlen, glitzern vor sich hin. Zwei Brennnesselspitzen mache ich mir mit einem Taschentuch ab. Daraus will ich mir Brennnesselwasser[1] machen.

Ein Jogger kommt mir entgegen. Und Schnecken. Es sind so viele unterwegs, dass ich darauf achtgebe, keine zu treten.

Tautropfen am Grashalm

Jetzt laufe ich in der Sonne. Die Wassertropfen an den Grashalmen schimmern im Licht. Silbern. Rund. In ihnen spiegelt sich ein kleiner Kosmos. Einer, der schon nachher nicht mehr sichtbar sein wird. Vergängliche Schönheit. Gut, dass ich nicht auf der Couch geblieben bin.

Dankbar und beschwingt gehe ich nach Hause. In einer Pfütze kurz vor unserem Mehrfamilienhaus mache ich schnell noch meine Schuhe sauber. Ein kleines Ritual, wenn es schöne Pfützen gibt. Schöne Pfützen? Ja! Ich muss schmunzeln.

9:00

Ich bin zu Hause. Froh über den Morgenspaziergang. Beschenkt. In der letzten Stunde habe ich gespürt: Ich darf aus Gottes Fülle schöpfen. Darf staunen, fühlen, sehen, hören. Mich bewegen. Es war eine Stunde Paradies. Eine Stunde entdecken. Eine Stunde mit offenen Augen.

Unterwegs habe ich beschlossen, dass das heute mein Blogbeitrag wird. Und ich habe beschlossen, ein Post-it mit einem dicken Fragezeichen auf mein Handy zu kleben. Ich möchte meine Morgenzeit nicht mehr am Handy verbringen.

9:45 Uhr

Jetzt werde ich mir Frühstück machen. Bis eben habe ich diesen Blogbeitrag geschrieben. Ich wollte unbedingt meine Eindrücke frisch festhalten. Nichts vergessen. Und dich mitnehmen auf meine kleine Reise.

Beerenmüsli

10:00 Uhr

Frühstück. Beerenzeit. Nicht nur sehen und hören wie im Wald, nicht nur riechen und fühlen. Auch schmecken! Woran David wohl gedacht hat, als er schrieb: „Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist“ (Ps 34,9)?

Fotos: Stephanie Kelm


[1] Brennnesselwasser mache ich so: Einfach ein bis zwei längere Spitzen Brennnesseln in eine Kanne mit Wasser geben, zwei Scheiben Zitrone dazu und dann etwa drei Stunden ziehen lassen. Lecker! (Und gesund.)


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Stephanie Kelm

ist verheiratet und zu Hause im Taunus. Sie liebt es, schreibend und wandernd Gottes Welt zu entdecken und ist staunend und stolpernd unterwegs ins Vertrauen.


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