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Komm!

Adventszeit und das Vaterunser – wie passt das zusammen? Gedanken über die Bitte „Dein Reich komme“, die im Grunde eine Adventsbitte ist.

Vor ein paar Tagen musste ich ans Vaterunser denken. Ich weiß gar nicht, warum. Ich dachte nur: „Was würde sich in meinem Leben und Glauben verändern, wenn ich dieses Gebet jeden Tag sprechen würde?“ Nicht als Formel, sondern mit meinen Worten.

Wenn ich das Vaterunser lese, spüre ich, wie anders meine Denk- und Lebenswelt ist. Ja, Gott kommt darin vor. Aber wie fremd ist mir doch manches! „Geheiligt werde dein Name“ – was heißt das an einem Montagmorgen? Oder „Dein Reich komme“?

„Dein Reich komme“ ist ja im Grunde eine Adventsbitte! In der Adventszeit erinnern wir uns an Jesu Kommen in diese Welt. Doch wie viel stärker ist dieses Erinnern, wenn es zugleich Sehnsucht ist: „Herr, dein Reich soll kommen. Ich wünschʼ es mir so sehr!“

Komm in mein Leben

Wünsche ich es mir so sehr? Ich weiß es nicht. Gottes Reich ist mir oft zu abstrakt, zu groß, zu weit weg. Ich kann die Frage danach nicht so leicht beantworten. Theologen haben darüber komplexe Abhandlungen und dicke Bücher geschrieben.

Was wäre, wenn „Dein Reich komme!“ einfach nur meine persönliche Bitte an Gott sein dürfte? Ich versuche, meine Bitte zu formulieren.

Dein Reich komme – in mein Chaos, in meine Müdigkeit, in meine Fragen. Dein Reich komme – in all das, was ich mir vornehme und doch nicht schaffe. Dein Reich komme – in meine Beziehungen, für die ich mir so viel wünsche, aber in denen ich oft überfordert bin.

Mir fallen weitere Bitten ein: Dein Frieden komme in meine Unruhe. Deine Liebe komme in meine Gleichgültigkeit. Deine Weite komme in meine Enge. Deine Güte durchdringe meine Unbarmherzigkeit. Komm durch, Gott, in mich hinein. Durchdringe mich.

Diese Sätze als Gebete sind mir näher. Ich bitte Gott damit hinein in mein Leben.

Ich wünsche mir Gottes Durchkommen in meinem Leben. Sein Durchscheinen. Seine Durchbrüche.

Ich wünsche mir, dass er zu mir durchkommt. Nicht abprallt am Panzer meiner Ängste, meiner Geschäftigkeit, meiner schrägen Bilder von ihm.

Gott bricht sich nicht gewaltsam Bahn. Das glaube ich nicht. Aber er nutzt die Risse in meiner Fassade und manches andere, was nicht heil ist, um sein Licht hindurchzuschicken und meiner Mutlosigkeit die Kraft zu nehmen.

Gott kann das. Und er tut es.

Dein Reich, nicht meins

„Dein Reich komme.“ Es geht um Gottes Reich, nicht um meins. Ich habe Vorstellungen vom Leben. Viele. Und ich weiß genau, was ich nicht will. Insofern ist das Gebet „Dein Reich komme“ mutig. Ich weiß, was ich damit erbitte – und ich weiß es nicht.

Jesus hat das Vaterunser einfachen Männern an die Hand gegeben. Fischern, Handwerkern, Zöllnern. Einfach ist das Gebet trotzdem nicht. Weiß ich überhaupt, was ich da bete, frage ich mich gerade? Bin ich reif für dieses Gebet?

Das Vaterunser ist ein Gebet, in das ich hineinwachsen muss wie ein Frühgeborenes, das in einen viel zu großen Strampler gesteckt wird. „Dein Reich komme.“ Es bedeutet, Kontrolle abzugeben. Und Gott zu vertrauen.

Insofern ist der Advent vielleicht eine Art Übungsraum für Vertrauen. Und der Entschluss, das Vaterunser jeden Tag zu beten, vielleicht sogar hilfreich?

Ja, ich komme

Das Gebet „Dein Reich komme“ – allein diese Zeile des Vaterunsers – ist tief. Wie leicht sie doch manchmal dahingesagt wird! Jesus wusste wohl, was er seinen Jüngern mit dieser Bitte an die Hand gab. Wussten sie es?

Angesichts dieser Bitte verstehe ich, warum Weihnachten ein Fest der Hoffnung ist. Denn ich kann Gott bitten: „Dein Reich komme!“ Zugleich ist in Bethlehem genau das passiert: Er, Gott, ist gekommen.

Die Adventszeit lässt mich nicht nur zurücksehen, sondern auch nach vorn. „Ich will wiederkommen!“, hat Jesus gesagt (Joh 14,3). In den letzten Versen der Offenbarung betont er das noch einmal, als wäre es ihm besonders wichtig: „Ja, ich komme bald.“ Und Johannes antwortet: „Amen, komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,20). Ja, bitte komm.

„Komm!“ Es ist ein Sehnsuchtsgebet, dessen Erfüllung ich stückweise schon heute erlebe, weil Gott Teil meines Lebens ist. Ich erlebe es in der Adventszeit, aber eigentlich immer im Warten auf das große Fest, das dann gefeiert wird, wenn Jesus wiederkommt.

Frohe Weihnachten, viel Hoffnung und Gottes Reich in deinem Leben!

Foto: pixabay | Michael Pointner


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Ich bin Stephanie

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