Manchmal kommt mir mein Leben so richtig verkrumpelt vor. Nicht umsonst fallen mir dabei die verkrumpelten Bohnen ein, die ich gerade einweiche …
Schwarze Bohnen als Gleichnis
Gestern habe ich das erste Mal schwarze Bohnen eingeweicht. Von Kichererbsen, Linsen und Nüssen kenne ich es schon und bin immer wieder fasziniert: Wie schnell das Wasser aufgesogen ist, die Samen dicker werden und – wenn man sie lange genug im Wasser lässt – wie schnell sie keimen!
Bei den schwarzen Bohnen habe ich gestern Abend das Wasser noch einmal erneuert. Von etlichen war die dicke, schwarze Haut schon aufgesprungen, bei manchen hing die feste Haut nur noch lose daran. Bohnen in Bewegung. Einfach nur wegen Wasser.
Heute Morgen sitze ich hier an meinem Tisch und denke mal wieder über meine Fähigkeit zu lieben nach. Ich muss an die trockenen, verkrumpelten Bohnen denken, die sie gestern Morgen noch waren. Ein bisschen fühlt sich mein Herz so an. Verschlossen, festhaltend, in sich verkrumpelt.
Ich brauche Wasser. Viel Wasser. Richtig viel. Damit mein Herz aufgeht, sich weitet, andere im Blick hat. Ich bin so mit mir selbst beschäftigt.
Alles richtig machen?
Die Krebsdiagnose von vor einem Jahr wirkt nach. Sie weckt im Moment meine Angst. Während der Akuttherapie war ich aktiv gegen den Krebs. Jetzt klammere ich mich vor allem an die Hoffnung, dass er nicht wiederkommt. Und versuche mit allen Mitteln, dem entgegenzuwirken.
Stressabbau, Sport, Bewegung, Ernährung, Nährstoffe, frische Luft, Atmung … Ich will alles richtig machen. Bin überzeugt, dass ich es ein Stück in der Hand habe.
Ein Stück. Ich hätte es gern mehr in der Hand. Aber dann würde ich vielleicht alles noch richtiger machen wollen.
Loslassen fällt mir schwer. Und doch habe ich keine Alternative.
Ich habe nicht alles in der Hand. Und ich werde nie eine Sicherheit haben, egal wie oft ich Sport mache oder wie viel Rote-Bete-Saft ich mir presse. Nie.
Das macht mir zu schaffen, macht mich bisweilen verrückt. Mich als Macher und Menschen, der gern kontrolliert. Mich als die, die verbissen denkt: Irgendwie muss es gehen!
Sich dem Wasser überlassen
Die Bohne macht genau das Gegenteil. Sie macht nichts – liegt einfach nur faul im Wasser rum. Und macht doch so viel. Öffnet ihre vertrockneten Zellen dem Wasser, lässt sich vom Wasser durchdringen, sogar häuten, zerfällt in zwei Hälften.
Sie lässt Veränderung zu. Wachstum. Schmerz.
Übertrage ich das Bild, könnte ich sagen: „Weich dich doch einfach bei Gott ein!“ Das klingt schlau, erweist sich in der Praxis aber als schwierig. Ich bin eben keine Bohne, die sich einfach ins Wasser legt und am nächsten Morgen eine andere ist. Eher habe ich den Eindruck: Manchmal wird mein Herz tatsächlich weicher, aber die Saharastürme des Lebens trocknen es auf der Stelle wieder aus.
Ich brauch so viel. Vielleicht muss ich das einfach anerkennen. Annehmen. Menschsein ist einfach komplizierter und komplexer als das Leben einer Bohne.
Zugleich denke ich: Auch eine Bohne braucht nicht endlos Wasser, keine Kubikmeter. Vielleicht besteht Hoffnung für mich und mein verkrumpeltes Herz? Ab und zu spüre ich doch, dass sich Dinge ändern, mein Herz bewegt ist, ich andere sehe, nicht an mich denke, ich mich an andere verschenke.
„Ich kann! Glaub mir.“
Vielleicht kann ich mich doch bei Gott einweichen. Nicht wie die Bohne. Gott teilt schließlich keine Wassergläser aus und sagt: „Spring rein!“ Aber er ist doch der, zu dem ich kommen darf, der Gott des lebendigen Wassers, der Gott, der die Bohne und das Wachstum erfunden hat, der Gott, bei dem ich still werden darf, der Gott, der Tote auferwecken kann, mein Umarmer.
Ja, Gott umarmt verkrumpelte und absolut trockene Bohnen wie mich. Und er kann sie zum Leben erwecken.
Manchmal tut er das mit einem Fingerschnipsen wie bei der Schöpfung. In sieben Tagen war alles da. Zack! Und manchmal – meistens – lässt er es langsam, leise und kaum merklich geschehen.
„Ich kann“, flüstert er mir gerade zu. „Glaub mir.“
Als ich heute Morgen in die Küche gekommen bin, habe ich die ersten Keime gesehen. Und auch die Bohnenhaut ist nicht mehr schwarz, sondern heller, durchscheinender, wunderschön blau-lila. Wachstum ist und bleibt ein Wunder. Und Gott bleibt derjenige, der es schenkt. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben und ihm glauben, dass er auch mein verkrumpeltes Herz verändern kann.
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