Jakobs Lebensresümee fällt unterschiedlich aus – negativ, positiv. Doch überall geht es um Segen. War Jakob gesegnet? War er immer gesegnet? Eine Spurensuche.
Zwei Resümees
Diese Woche bin ich über Jakobs Lebensresümee gestolpert. Er zieht es an zwei Stellen in 1. Mose 47 und 48. Die Widersprüchlichkeit hat mich stutzig gemacht.
Das erste Fazit über Jakobs Leben ist ein kurzer Satz, den er im Dialog mit dem Pharao fällen lässt. Er sagt dort, als er dem Herrscher Ägyptens mit 130 Jahren begegnet: „Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens …“ (1 Mo 47,9).
Das zweite Resümee steht in Kapitel 48,15. Jakob ahnt, dass er bald sterben wird. Er segnet Josefs Söhne und leitet diesen Segen so ein: „Der Gott, der mein Hirte gewesen ist mein Leben lang bis auf diesen Tag …“
Wenig und böse Zeit einerseits, andererseits Gott, der als Hirte sein Leben lang bei ihm war. Was denn nun, Jakob?
Schmerz und Segen
Sein erstes Fazit ist sicher auch überschattet von der Tragik seines Lebens.
Um seine Lieblingsfrau Rahel wird er betrogen. Als er sie endlich hat, bleibt der Kindersegen aus. Nach langem Warten kommt Josef auf die Welt. Rahel stirbt viel zu früh bei ihrer zweiten Geburt. Dann erfährt Jakob, dass sein Liebling Josef gestorben ist. Und in ihm selbst stirbt auch etwas.
Als Jakob nun vor dem Pharao steht, weiß er mittlerweile, nach über zwanzig Jahren der Trauer, dass Josef gar nicht tot ist. Er lebt! Und so groß die Freude darüber ist, so sehr ist da sicher auch die Wehmut über all den sinnlosen Schmerz, die verlorene Zeit …
„Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens …“ Ist dieses Resümee nicht nachvollziehbar?
Jakobs Leben ist ein Auf und Ab. Es steckt voller Tragik. Zugleich ist Jakob derjenige, dem Gott immer wieder begegnet.
Er ist es, der die Himmelsleiter im Traum gesehen hat, den Gott mit zwölf Kindern segnet, der als reicher Mann wieder in seine Heimat ziehen darf, der mit Gott am Jabbok kämpft, um den Segen ringt und ihn erhält. Er ist der, dem Esau nicht mehr gram ist, und zu dem Gott auf seiner Reise nach Ägypten nochmals sagt: „Fürchte dich nicht!“ (1 Mo 46,3).
„Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens …“ – Jakob, hast du das alles vergessen?
Vorstellungen von Segen
War Jakobs Zeit wenig und böse? Oder war da doch Gott, der Hirte, sein Leben lang bei ihm? Oder geht nicht auch beides? Ich denke oft in „entweder … oder“. Ein gesegnetes Leben stelle ich mir anders vor als das von Jakob. Gesegneter. Nicht so menschlich. Weniger Umwege. Weniger Schmerz.
Ich habe ein Bild von Segen in mir, das manchmal mit der Realität kollidiert. Dass ich Schwierigkeiten erlebe, okay, das gehört in dieser Welt dazu, aber immer noch denke ich: Wo Gott segnet, geht man gestärkt aus Schwierigkeiten heraus. Oder: Da bringen die Schwierigkeiten etwas für einen selbst oder andere. Oder: Da kann man mit Verlusten und Härten besser umgehen.
Segen eben. Wenn man gesegnet ist, ist am Ende alles doch irgendwie gut. Aber vielleicht auch nicht? Nicht alle Geschichten haben ein Happy End. Manches Leid ist sinnlos. Viel Leid ist sinnlos.
Jakob und der Segen
Wenig und böse Zeit oder Gott, der als Hirte sein Leben lang bei mir war. Welches Resümee würde ich heute ziehen, wenn ich eins ziehen müsste? Wenn ich ehrlich bin, gibt es für beide Teile des Satzes Argumente. Genug.
Ein spannendes Detail steht um den Text „wenig und böse Zeit“ herum. Die vier Worte stehen nicht allein im Raum. Davor und danach steht jeweils im Text: „Und Jakob segnete den Pharao“ (Vers 9 und 10) – quasi als Begrüßung und zum Abschied. Was für ein Bild!
Ist das vielleicht am Ende doch das, was Jakob auch an diesem Tag als Fazit ziehen würde? Gottes Segen als Zentrum seines Lebens. Und passt es dann vielleicht doch mit seinem „Gott ist und war mein Hirte mein Leben lang“ zusammen?
Der Herr ist Hirte
Dass Jakob Gott als Hirte bezeichnet, hat mich beim Lesen überrascht. David und sein „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23) kenne ich. Aber dass Jakob dieses Bild zum ersten Mal verwendet, wusste ich nicht. Andererseits, er war Hirte durch und durch und wusste, was einen guten Hirten ausmacht.
Gott als mein Hirte. Ich liebe dieses Bild – und es fordert mich heraus. Nicht immer fühle ich mich behütet und umsorgt, manchmal eher verlassen und ausgeliefert. Dann frage ich mich, ob der Hirte auch heute seine Herde durchzählt, feststellt, dass ich ihn brauche, und angerannt kommt.
Es tröstet mich zu lesen, dass Jakob gesegnet war, sich gesegnet fühlte, trotz allem. Segen ist eben kein All-inclusive-Dauerurlaub im Paradies, er hat auch nichts damit zu tun, dass sich alles gut anfühlt oder wunderbar ausgeht.
Segen ist manchmal nur der Rettungsring oder der Anker, während wir im Dunkeln auf stürmischer See hin- und hergeworfen sind.
Segensfäden
Manchmal ist Segen nur ein Faden Gottes an unserer Lebensschnur, der hin und wieder vom Himmel hängt und Schmerz, Hilflosigkeit, Heimatlosigkeit erträglicher macht. Denn die Segensfäden erinnern mich und Gott sagt mir durch sie: Ich bin noch da. Für dich. Mein Versprechen gilt noch.
„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, sagt Jakob, als er mit Gott kämpft. Den Erstgeburtssegen hat er sich durch Lügen erschlichen, diesen hier meint er ehrlich und will ihn wirklich. Der Segen zieht sich durch sein ganzes Leben, eng verwoben mit all dem Schmerz und manchem Fehltritt.
Manchmal sehe ich viele Segensfäden in meinem Leben – manchmal keine. Beim Lesen von 1. Mose stelle ich fest: Ich bin in guter Gesellschaft. Und es bleibt bei mir wohl wie bei den Patriarchen damals ein Staunen und Stolpern, ein Zweifeln und Hoffen, ein Jubeln und Trauern.
Manches ist beschwerlich und schmerzhaft. Und trotzdem, die Segensfäden sind da. Sie hängen vom Himmel. Ich will die Segensfäden in meinem Leben nicht vergessen. Es gibt sie. Ich will wie Jakob Segen teilen. Und ich will Schritt für Schritt weitergehen. Bis der nächste Faden kommt.
Er wird kommen. Denn der Herr ist nicht nur Jakobs und Davids Hirte, sondern auch meiner.
Foto: pixabay | Anna
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