Wirklich hinsehen, wie geht das? Mit dem Fernglas lerne ich es gerade. Ich frage mich: Was wäre, wenn ich Gott so betrachten würde?
Unser Urlaubsdomizil: ein kleines, schiefes Ferienhaus mit einem langgezogenen Weiher direkt vor der Haustür. Mitten in der Natur. Die Einrichtung ist einfach und rustikal. Wärme gibt uns der Kamin. Und es gibt etwas, das hier wie ein Luxusgegenstand wirkt: ein richtig gutes Fernglas.
Zurzeit sitze ich immer wieder vor unserer Hütte auf der Bank, manchmal auch auf dem Bootssteg. Mal mit, mal ohne Fernglas. Doch wenn ich das Fernglas in der Hand habe, tauche ich ein in eine andere Welt. In die der fünf Laufenten zum Beispiel, die hier am Weiher zu Hause sind.
Fernglasblicke
Mit dem Fernglas kann ich mir ihr gemustertes Gefieder, ihre schwarzen Knopfaugen und ihre Schnäbel direkt ans Auge holen. Ich kann beobachten, wie sie miteinander schwimmen, zusammen herumwatscheln, sich anschnattern oder auch schweigsam beieinander sind. Mal zu zweit, mal zu dritt oder zu viert. Eine von den Fünfen ist gern auch mal allein unterwegs. Vielleicht wie ich.
Gestern hatte ich den Eindruck, nicht nur ich beobachte sie, sie beobachten mich auch, schauen mich direkt durch mein Fernglas an. Was sie wohl denken? In den letzten zwei Tagen haben wir uns ein bisschen kennengelernt. Am Anfang war ihr Bogen noch größer, den sie um uns gemacht haben. Mittlerweile kommen sie näher, haben sie akzeptiert, dass wir jetzt auch hier sind.
Ich „wandere“ das Ufer mit dem Fernglas ab, entdecke eine Ralle, die sich im Schilf versteckt. Hat sie dort ihr Nest? Ihr kleiner roter Schnabel leuchtet mir entgegen. Mit ihrem schwarzen Gefieder und dem weißen Streifen an ihrer Seite sieht sie vornehm aus. Schön. Ob sie weiß, wie schön sie ist?
Dann bemerke ich plötzlich weiter rechts im Geäst einen kleinen Biber. Er muss schon eine Weile zugange sein, denn jetzt hat er auf einmal einen belaubten Zweig zwischen den Zähnen und schwimmt damit zügig in seinen Bau am Ufer. Schwupp, ist er weg. Was er wohl baut? Ob in seinem Bau noch mehr seiner Artgenossen wohnen?
Teil sein
Ich tauche hier ein in eine andere Welt. Werde meinerseits beguckt und geduldet – und darf selbst Anteil nehmen, da sein. Zugleich frage ich mich, wie sehr ich die Teichbewohner hier störe. Am zweiten Tag habe ich aus Versehen eine brütende Ralle erschreckt, weil ich ihrem Nest zu nah gekommen bin. Wie froh war ich, als ich sie später wieder auf ihrem Gelege gesehen habe.
Schöpfung als Geschenk. Und ich darf hier sein, den Rhythmus dieses Lebensortes für eine Woche mitleben. Über die Regentropfen auf dem Weiher und ihre Kreise genauso staunen wie über die Bachstelzen und Schwalben, die abends wie kleine Segelflugzeuge über die Wasseroberfläche düsen.
Staunt es sich im Urlaub einfacher? Glaubt es sich vielleicht auch an einem Ort einfacher, an dem man morgens Feldhasen sieht und abends Rehe? Gerade tappelt es wieder über unser flaches Holzdach. Ein Eichhörnchen tobt sich aus. Die Krone der großen Eiche über uns ist wohl sein Zuhause.
Viele Bilder, ein Bild
Manchen Komfort habe ich gerade nicht. Doch manches wird hier tatsächlich unwichtig. Vielleicht, weil ich im Moment so viel Reichtum anderer Art erlebe. Das Fernglas ist das Symbol dafür. Aber: Ich muss mich hinsetzen, muss meine Augen an die ungewöhnliche Perspektive gewöhnen, muss das Bild scharf stellen – und dann langsam und in Ruhe auf die Suche gehen. Zentimeter für Zentimeter.
Es ist wieder einmal das Ruhethema, das mich hier einholt. Es geht nicht um mehr, sondern um weniger. Nicht um maximales Abschöpfen von Bildern, sondern um das Vertiefen in ein Bild. Hinsehen. Beobachten. Durchdringen, was da vor meinen Augen ist.
Fast automatisch denke ich an Gott und mich. Manchmal springe ich von Bibelvers zu Bibelvers, von Andachtstexten zu geistlichen Büchern zu den Losungen und zurück … auf der Jagd nach dem einen Text, mit dem Gott mich heute berührt. Aber ich gönne mir nicht die Ruhe, habe nicht den Mut, einfach nur einen Text anzusehen und auf mich wirken zu lassen.
Andacht als verzweifelter Versuch, etwas aus Gott herauszuholen und von ihm abzuschöpfen. Ihn in mein System einzubinden. Statt mich mit ihm zu verbinden, mich in sein Bild zu vertiefen.
Leben mit Fernglas
Zugegeben, ich bin nicht gut in Ruhe. Meine Gedanken springen. In meinem Kopf sind zu viele Bilder. Von jeder Seite hageln heute Informationen auf mich ein. Und wenn sie nicht auf mich einhageln, bin ich es, die ich mich übers Handy mit Bildern und Informationen zuschütte.
Ruhe fällt mir schwer. Einfach nur mal eine Sache betrachten, wirklich nur eine. In Ruhe. Immer wieder. Von allen Seiten. Zu verschiedenen Zeiten. Wie heilsam das ist, spüre ich gerade an „meinem“ Weiher.
Und wenn ich Gottes Wort so betrachten würde? Mit „Fernglas“. In Ruhe. Ohne den Druck, etwas entdecken, mitnehmen oder fühlen zu müssen. Einfach offen für das, was da ist. Und wenn da nur „leeres Seeufer“ ist, dann ist es so. Aber ich weiß doch auch, es gibt „Biber und Rallen“. Ich sehe sie nur nicht immer.
Mir gefällt dieser Vergleich. Er befreit mich. Nein, ich muss nicht immer mehr von Gott verstehen oder immer mehr von Gott haben. Ich muss ihn auch nicht fühlen oder begeistert von ihm sein. Das alles entsteht letztlich aus den Momenten, in denen ich ihm wirklich begegne.
Das Eichhörnchen tappelt wieder. Die Enten draußen schnattern vor sich hin. Ich glaube, ich nehme dann mal mein Fernglas …
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