Zwischen Geborgenheit und Herausforderung. Ein Vers in Lukas 22 berührt mich, erschreckt mich, lässt mich nicht los. Mein Weg mit dem Text …
Diese Woche war der Wurm drin. Seit Montag versuche ich, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Eigentlich sollte er von einem Text handeln, der mich die letzten Wochen immer wieder angesprochen hat.
Der Text war fast fertig. Da habe ich gemerkt, in welchem Kontext er steht. Ich wusste: Nein, so kann ich das jetzt nicht mehr schreiben. Das stellt alles auf den Kopf.
Ich kam von diesem Text nicht los, konnte mich aber auch nicht mehr so recht mit ihm anfreunden. Und dann dachte ich, ich nehme dich einfach mit auf diese Reise …
Niemals Mangel – wirklich?
Es geht um den Text in Lukas 22,35. Da fragt Jesus seine Jünger: „Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals.“
Mich hat der Text berührt. Vielleicht weil in mir aus welchen Gründen auch immer die Angst vor Mangel steckt. Die Angst davor, dass es nicht reicht, ich zu kurz komme, vergessen werde. Dass ich mir (in meiner Fantasie) irgendwann als verarmte Rentnerin nichts mehr leisten kann.
Und Jesus fragt in diesem Text, als würde er mich fragen: „Hast du je Mangel gehabt?“ Und ich kann dann sagen: „Nein, niemals.“ – Wie schön wäre das!
Wenn er mir diese Frage heute stellen würde, könnte ich übrigens genauso antworten wie die Jünger. Nein, ich habe in meinen 45 Jahren nie Mangel gehabt. Nie. Es war nicht immer alles da, was ich wollte. Doch ich hatte immer alles, was ich zum Leben brauchte und viel viel mehr.
Meine Angst, zu kurz zu kommen, ist also im Grunde unbegründet. Sie ist eher eine emotionale Schwachstelle, bei der ich spüre: Da ist ein Punkt bei mir. Da bin ich verletztlich. Und deshalb spricht mich dieser Text so an. Weil er mir zeigt, dass ich mit Jesus nicht nur materiell gut versorgt bin.
Doch dann lese ich weiter.
Und da kommt Vers 36
Da sagt Jesus gleich im nächsten Satz zu seinen Jüngern (Vers 36): „Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch eine Tasche, und wer’s nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert.“
Wie bitte? Jesus, ich hab’ mich doch grad mit diesem Kein-Mangel-Text so wohlgefühlt. Wie kannst du mir meine Geborgenheit jetzt entreißen?
Das „Jesus kümmert sich um alles“ ist mit einem Schlag weg. Jetzt muss ich mich also selbst kümmern. Bin auf mich allein gestellt. Ich soll sogar ein Schwert kaufen, was auch immer das in meiner Lebenswelt ist.
Ich bin wütend auf Jesus. Wie kann er so etwas sagen?
Dranbleiben oder weitergehen?
Ich lasse den Text liegen. Am nächsten Tag lese ich in Johannes 6,63, dass Gottes Worte Worte des Lebens sind. Ich denke: Wenn Lukas 22,36 Worte des Lebens sind, dann muss ich mich ihnen stellen. Ja, ich hätte gern einen reinen Kuschelvers gehabt. Einfach nur Vers 35 und Geborgenheit in Jesus. Aber wenn das Wort, wenn Gott, etwas anderes sagt? Was ist denn wichtiger, mein Gefühl oder das Wort? Und wenn mein Gefühl wichtiger ist, sperre ich das Wort dann nicht ein, nehme ihm das Leben?
Es gibt Tage, da fühle ich mich frei, weiterzugehen zu einem anderen Text. Zu Texten, die ich brauche. Und ich glaube, das ist auch völlig in Ordnung. Ich muss mich nicht an Texten abarbeiten. Manchmal habe ich dafür einfach keine Kraft. Gott verlangt das auch nicht von mir.
Hier, bei diesem Text, habe ich aber den Eindruck: Ich soll dran bleiben. Mich dran wagen. Mich nicht von meinen Ängsten vertreiben lassen. Genau hinsehen. Verstehen. Frieden mit dem Text schließen. Auch mit Vers 36.
Ich atme durch. Versuche, mich darauf einzulassen. Trinke schnell noch ein Glas Wasser.
Was steht wirklich da?
Was ich zunächst einmal sehe: Der Textabschnitt steht an einer zentralen Stelle. Jesus fragt sein: „Habt ihr Mangel gehabt?“ nicht nebenbei. Er stellt den Jüngern diese Frage kurz vor seiner Gefangennahme. Gerade hat er Petrus gesagt, dass der ihn verleugnen wird. Das ist die Situation.
In diesem Moment erscheint mir Jesu Frage fast zärtlich und fürsorglich. So, als wolle er seine Jünger an etwas Wichtiges erinnern: „Vergesst nicht, als ihr mit mir unterwegs wart, hattet ihr keinen Mangel. Vergesst es nicht.“
Jesus weiß, bald wird sich alles ändern. Bald werden seine Jünger buchstäblich allein und von ihm verlassen sein. Bald wird man ihnen nicht mehr fröhlich Gastfreundschaft gewähren wie es im Orient üblich ist, sie werden eher vor verschlossenen Türen stehen und man wird hinter ihnen her sein.
Deshalb sollen sie sich darum kümmern, dass sie Geld und eine Tasche dabei haben. Und ein Schwert.
Schwierige Zeiten gefallen niemandem. Und doch gibt es sie. Jesus lässt seine Jünger nicht unvorbereitet hineinlaufen. Er sagt es ihnen. Und er gibt ihnen drei Jahre Erfahrung mit ihm an die Hand, in denen sie Gott erlebt haben, der auch weiterhin mit ihnen sein wird.
Trotzdem geborgen
Und dennoch, meine Fragen bleiben: Sorgt Gott denn nun für mich? Oder muss ich selbst für mich sorgen? – Was mache ich also mit diesem Text? Und mit meinem Angstgefühl?
Wie die Jünger schaue ich zurück und sehe: Gott hat für mich gesorgt. Wie sie kann ich mit dieser Erfahrung in die Zukunft gehen. Dazu habe ich Jesu Zusagen. Er hat ja gesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Und er hat mir seinen Geist als Begleiter versprochen (Joh 14,16).
Nein, ich werde in dieser Welt nie allein auf mich gestellt und ohne ihn sein. Ohne ihn kann ich ja gar nicht! (Joh 15,5). Und soll ich auch nicht. Sein „Ich bin da“ gilt und darauf darf ich mich verlassen, selbst wenn mein Verlassenheitsgefühl mir einen Streich spielt.
Doch Jesus traut mir auch zu, Situationen zu bewältigen. Er rät mir zu Geld, Tasche und Schwert. Gibt sie mir als Mittel in die Hand, um in dieser Welt klarzukommen. Weil er weiß, dass ich diese Dinge brauchen kann. Sie mir helfen werden.
Zugegeben, die Verse werden nicht meine Lieblingsverse werden. Sie behalten eine Schärfe und Brisanz, die ich gern aus meinem Leben heraushalten würde. Ich habe es gern harmonisch. Ich will nicht zum Schwert greifen müssen. Und doch: Leben ist nicht immer leicht. Ich weiß es doch.
Egal, wie es in meinem Leben und mit dieser Welt weitergeht, ich bin und bleibe Gottes Kind und damit geborgen und unter seinem Schutz. Ganz sicher werde ich auch in Zukunft erfahren, dass er an meiner Seite ist. Alles andere ist vielleicht eine Sache des Vertrauens. Und da übe ich ja bekanntlich noch …
Foto: pixabay | congerdesign
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