Manchmal hängt mein Blick am Negativen und ich fühle mich so ohnmächtig. Ein Erlebnis diese Woche hat mir ein Aha beschert und mich berührt.
Willkür und Machtspiele
Wenn Präsidenten stänkern und die Mächtigen willkürlich und egoistisch Entscheidungen treffen, verliere ich manchmal den Glauben an die Menschheit. Ist denn heute alles krank? Geht es nur noch um Wahlgewinne, volle Konten und den eigenen Vorteil – egal, was man abgesprochen hat, und egal, welche Folgen die Entscheidungen haben?
Wenn man die Nachrichten liest, möchte man es fast meinen. Und wie schnell bin ich dabei, mich zu empören, nur noch auf das Negative zu sehen, zu meinen, die Welt gehe den Bach runter und ich wäre ausgeliefert und könne nichts dagegen tun.
Überraschung am Bahnsteig
Vor ein paar Tagen saß ich in der S-Bahn und wartete auf die Weiterfahrt. Durchs Fenster beobachtete ich die vielen Pendler, die gerade ausgestiegen waren und in Richtung Treppenausgang eilten. Die meisten waren schon treppab verschwunden, da erreichte eine alte Dame die Treppe. Bepackt mit einem stakeligen Regenschirm, einer dicken Tüte, ihrer Handtasche und einem Koffer. Ihre Unsicherheit, wie sie die Treppe schaffen sollte, mehr als offensichtlich.
Tatkräftige Hilfe wäre jetzt genau richtig gewesen. Doch die meisten waren schon weg, der Rest rannte achtlos an ihr vorbei. Da kam plötzlich ein Teeniemädchen. Stark geschminkt, versunken ins Handy, eher schleichend als gehend. Dann die Überraschung: Sie erfasst die Situation, überlegt nicht lange, spricht und lächelt die alte Dame an, nimmt ihr den Koffer ab und verschwindet damit treppab.
Das Ganze passiert innerhalb einer Minute. Hat es außer mir noch jemand bemerkt? Die kurze Szene hat mich berührt. Sie gibt mir den Glauben an die Menschheit zurück. Ja, wir sind noch Menschen. Und es gibt sie noch, diese Momente, in denen es nicht nur um Macht und Geld geht, sondern um Menschen. Es gibt sie noch, die Menschlichkeit.
Kleine Dinge, große Wirkung
Die kurze Begegnung der beiden zeigt mir auch: Wenn ich an „die da oben“ denke und über sie schimpfe, übersehe ich, was ich im Kleinen tun kann. Ich werde die Weltpolitik nicht bewegen, aber ich bin auch nicht so ohnmächtig, wie ich manchmal meine. Ich kann diese Welt gestalten, für andere mit einer kleinen Geste da sein, ihnen das Leben erleichtern, den Tag ein bisschen schöner machen.
Was ich immer wieder erstaunlich finde: Es sind besonders diese kleinen Dinge, die mich berühren. Dafür muss ich mir nicht mal ein Bein ausreißen oder einen Tag im Kalender blockieren! Manchmal fügen sie sich einfach so in meinen Tag ein, laden mich einfach ein, mal für eine Minute …
So hat Gott sich das gedacht
Ich glaube, dass Gott uns so geschaffen hat. Dass wir einander sehen, einander anlächeln können, einander fühlen, etwas füreinander tun können. Es berührt unser Herz und weckt nebenbei immer wieder die Menschlichkeit in uns. Wir sind doch Menschen!
Die Welt diktiert uns oft etwas anderes. Wie leicht versinke auch ich im Handy, will andere nicht sehen und hören, meine Ruhe haben, nicht gestört oder beansprucht werden. Zugleich stelle ich fest, wie viel dabei verloren geht. Und dass auch ich dabei viel verliere.
Das Teeniemädchen hat vielleicht schon wieder vergessen, dass sie am Dienstag der alten Dame geholfen hat. Sie hat keine Ahnung davon, dass ich sie beobachtet habe. Und erst recht nicht davon, dass ich ihre kleine Geschichte hier erzähle. Sie würde vermutlich auch abwinken, sagen: „Das war doch nichts weiter!“
„Doch, das war viel“, würde ich ihr gern sagen und mich bei ihr für diesen Moment bedanken.
Gott ruft in der Bibel immer wieder zu Menschlichkeit auf und dazu, den anderen zu sehen, ihm Hilfe nicht abzuschlagen. Wenn jemand in dieser Minute an diesem Bahnsteig genau das gemacht hat, dann war es dieses Teeniemädchen. Ich glaube, Gottes Herz war mindestens genauso berührt wie meins.
Foto: pixabay | stocksnap
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