Wie diskret war Jesus? Stellenweise habe ich den Eindruck, nicht sehr diskret. Dann wieder stoße ich auf Bibeltexte, die mir ein anderes Bild zeigen …
Diskretion ist mir wichtig. Ich beantworte gern Fragen, auch persönliche, aber ich bin ein Unter-vier-Augen-Mensch. Ich will nicht ausgefragt werden, wenn links und rechts Leute neben mir sitzen oder alle Augen einer Gruppe auf mich gerichtet sind. Da sträubt sich alles in mir!
Wie diskret ist Jesus?
Umso mehr fühle ich mit anderen, auch mit biblischen Personen, bei denen es nicht so diskret zugeht: Die blutende Frau muss sich vor der gesamten Menge outen, dass sie Jesus berührt hat (Mk 5,30–34), und auch Zachäus kann nur unter den Augen aller von seinem Baum herunterkriechen (Lk 19,4–6). Wie gut kann ich dagegen Nikodemus verstehen, der im Dunkeln zu Jesus kommt (Joh 3,2).
Beim Lesen des Markusevangeliums fielen mir zwei Stellen auf, an denen ich erstaunt dachte: Echt, das hat Jesus gemacht? – Bisher hatte ich das noch nie wahrgenommen. Was meine ich?
Jesus überrascht mich
Der erste Text steht in Markus 7,32–33. Da heißt es: „Und sie brachten zu ihm [Jesus] einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite …“
Es ist der Nebensatz „Er nahm ihn aus der Menge beiseite“, der mich berührt. Auch wenn Jesus nicht immer so gehandelt hat, siehe Zachäus und Co., hier tut er es. Er führt den Taubstummen heraus aus der Menge. Heraus aus dem Tumult und Lärm. Dorthin, wo es nur noch ihn und Jesus gibt.
Vielleicht tut er es, damit der Taubstumme nicht gleich einen Hörsturz kriegt – schließlich wird er gleich wieder hören können. Oder er tut es, damit sich der Taubstumme reden hören und er ihn verstehen kann – denn er wird gleich wieder sprechen können. Oder er tut es, weil der Mann es braucht, vielleicht ein Unter-vier-Augen-Mensch ist wie ich?
Ein Kapitel später das Gleiche. Diesmal ist es ein Blinder. Der Text sagt: „Und er [Jesus] nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf“ (Mk 8,23). Wieder berührt es mich. Wieder denke ich: Ich mag diesen Jesus! Wenn Gott so ist, …
Jesus schenkt Schutzräume
Offensichtlich weiß Gott, wer welchen Schutzraum braucht und wer mit weniger klarkommt. Wie wäre er mit mir umgegangen, wenn ich ihm damals in der Menge begegnet wäre? Hätte er mich auch aus der Menge herausgeführt? Vielleicht.
Die Sätze sind Nebenbei-Sätze in den Heilungsgeschichten. Sie würden niemandem fehlen, wären sie nicht da. Und doch sagen sie viel aus, zeigen mir einen Jesus, der auf Menschen Rücksicht nimmt. Nein, ich glaube nicht, dass es Jesus darum geht, dass ich so bequem wie möglich durchs Leben komme. Und doch weiß er, an welchen Stellen ich Schutzräume brauche – und geht darauf ein.
Das berührt mich. Lässt mich staunen und verwundert fragen: Echt Jesus, so bist du?
Ich meine, ihn sagen zu hören: „Ja, so bin ich.“
Herr, hilf mir, dir zuzutrauen, dass du wirklich so gut bist.
Foto: pixabay | Matthias Böckel
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