Welches Bild hast du vor Augen, wenn du an Gottes Güte denkst? Gedanken über mein Bild und darüber, was alles in diesem kleinen Wort steckt.
Mächtig
Manchmal malen Texte Bilder in meinem Kopf.
„Denn mächtig waltet über uns seine Güte.“ (Psalm 117,2 Zürcher) – Welches Bild siehst du bei diesem Text? Wo siehst du dich darin?
Denn mächtig waltet über mir seine Güte. – Ich sehe mich auf einem Berg unter dem weiten Sternenhimmel stehen, der sich wie ein riesiges Kuppelzelt über mir und meinem Leben ausbreitet. Ich fühle mich geborgen darin, staune über die endlose Zahl von Sternen, genieße die kühle Luft der Nacht und den Raum, der sich da für mich aufspannt.
Mächtig. Über mir. Gottes Güte. Und ich mittendrin.
Für mich ist das ein schönes Bild. Ein Sehnsuchtsbild. Ich spüre: Ich will mehr davon!
Unbeschreiblich
Psalm 117 ist der kürzeste Psalm der Bibel. Ganze zwei Verse hat er. Vers 1 ruft auf: „Lobt den Herrn!“ Der Grund? Gottes Güte und Treue. Die Güte, die mächtig über uns waltet. Und die Treue, die nie aufhört.
Hinter „Güte“ steckt das hebräische Wort hesed. Es ist eines der tiefgründigsten und am schwersten zu übersetzenden Worte aus dem Alten Testament. Im Deutschen gibt es keinen Begriff dafür. Hesed beschreibt alles: liebende Güte, Bundestreue, Barmherzigkeit, Gnade, wohlwollende Verbundenheit, verlässliche Zuwendung. Michael Card bezeichnet hesed als inexpressible [1] – unsagbar, unbeschreiblich, nicht in Worte zu fassen.
Denn mächtig waltet seine Güte über mir. Nicht in Worte zu fassen.
Großzügig
Ich suche trotzdem nach der Bedeutung, lande bei Katherine Doob Sakenfeld, die sagt, hesed bezeichnet das Verhalten innerhalb einer bestehenden Beziehung, in der Loyalität erwartet wird, wo aber zugleich freiwillig und großzügig über das Geforderte hinaus gegeben wird. [2]
Innerhalb einer bestehenden Beziehung – also zwischen Gott und mir.
Loyalität erwartet – da muss ich passen. Wie oft bin ich es nicht! Aber Gott ist und bleibt treu. Hesed.
Freiwillig und großzügig über das Soll hinaus – auch da bin ich raus. Gott, so habe ich den Eindruck, fängt da erst an. Hesed.
Mächtig waltet seine Güte. Über mir. Wie der Sternenhimmel, wenn ich in einer klaren, dunklen Nacht darunterstehe und darüber staune.
Freiwillig. Großzügig. Wie es die besten Eltern für ihre Kinder tun und unfassbar weit darüber hinaus.
Verlässlich
Gottes liebevolle Güte, seine verlässliche Zuwendung – sie sind immer über mir, um mich herum. Mächtig. Auch wenn ich sie nicht fühle und weiß, dass ich sie nicht verdiene. Auch wenn ich mich zum wiederholten Mal frage, was Gott denn an mir findet.
Seine Güte ist da. Er ist da. Freiwillig und großzügig. Mächtig. Für mich.
Und ich, ich kann nur eintauchen. Staunen. Da sein. Einatmen. Und loben wie der Psalmschreiber.
Vielleicht beginnt er deshalb mit dem Lob, weil er weiß, alles andere wäre die verkehrte Reihenfolge. Und vielleicht endet er deshalb schon mit dem zweiten Vers, weil er merkt, mehr Worte braucht es nicht. Gibt es nicht. Alles ist damit gesagt.
[1] Michael Card, Inexpressible: Hesed and the Mystery of God’s Lovingkindness, 2018. | [2] Katherine Doob Sakenfeld, The Meaning of Hesed in the Hebrew Bible, 1978/2019.
Foto: pixabay | Andre Cosso
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