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Hohe Türen, weite Tore

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ – ich habe es oft gesungen, die Worte sind meist vorbeigerauscht. Jetzt sitze ich vor meiner Bibel, starre auf Psalm 24 und denke: Wie konnte ich das vierzig Jahre lang übersehen?

Jetzt jedenfalls sehe ich es. Der Psalm lädt dazu ein, so viel Platz wie möglich zu machen und Raum zu schaffen. Die Tore weit aufzureißen, die Türen hoch zu bauen, damit möglichst viel hindurch- und hineingeht. Möglichst viel von Gott. Und natürlich ist das ein Bild, denn Gott ist ja überall und nicht darauf angewiesen, dass meine Tür noch zehn Zentimeter höher und breiter ist.

Gott ist nicht darauf angewiesen. Aber ich vielleicht. „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!“ (Ps 24,7.8) Ist Gottes Größe das Problem? Ist es meine enge Tür?

Ich bin schnell in der Gefahr zu meinen, ich sei schuld, ich müsste mehr … Aber darum geht es gar nicht, so empfinde ich das gerade. Es geht eher um die Frage: Wie weit ist meine Tür, wie weit mein Herz – was ist der Status quo?

Wenn ich diese Frage ehrlich beantworte, dann spüre ich die Enge meiner Pforten förmlich – und stehe hilflos und planlos davor. Denn ich kann ja nicht mal eben den Hobel ansetzen und mein Herz fünf Zentimeter weiter machen. Meine Tür steht ja. Und meine Pfosten der Angst und Lieblosigkeit lassen sich nicht so einfach verrücken. Ich will ja, aber ich schaffe das nicht mit der Weite und Herzlichkeit. Ich scheitere ja schon in den kleinsten Alltagssituationen daran.

Ich spüre die Herausforderung. Ich will offen sein, weit – und ich habe Angst davor. Denn weite Pforten verbinde ich mit Kontrollverlust, mit einem Zuviel, das auf mich einstürmt, mit Ausgeliefertsein. Doch ich sehne mich auch nach Weite und danach, nicht alles krampfhaft festhalten zu müssen und kontrollieren zu wollen. Loszulassen. Zu empfangen, was kommt. Dem Leben so zu begegnen, wie es ist. Gott zu begegnen.

Ob mir das Lied eine Antwort gibt? Ich suche den Text, lese ihn vielleicht gerade zum ersten Mal. Staune. Denn in dem Lied geht es nicht darum, meine Enge mit der Brechstange zu weiten. Es geht nicht um Zeigefinger und Weitherzigkeitsappelle. Es geht ums Empfangen. Von der ersten bis zur fünften Strophe.

Empfangen. Heil und Leben. Freude und Wonne. Das Ende meiner Not. Eigentlich ist das ganze Lied ein Lobgesang auf Gottes Tun – keine Klage über enge Pforten. Gott ist der, der bringt, gibt, ist. Und vielleicht steht nicht umsonst genau in der Mitte: „Oh wohl dem Land, oh wohl der Stadt, die diesen König bei sich hat!“

In keiner Strophe geht es um mich und mein jämmerliches Tor – es geht um Gott und darum, dass er alles mitbringt. Weil er weiß, dass es mir an allem mangelt. Empfangen. Denn was will ich mehr als Heil, Leben und Freude? Was will ich mehr als einen Gott, der gerecht, heilig und barmherzig ist?

Wohl mir, wenn ich diesen König bei mir habe! Es geht nicht um mein Tun, nicht um meine Anstrengung, es geht einfach nur darum, meine kleine Tür so weit wie möglich aufzumachen. Und egal wie groß meine Tür ist: Gott passt ganz gewiss hindurch.

Vielleicht wird mein Leben, meine Pforte, ja von ganz allein weiter, wenn Gott mit seiner Weite und Wärme bei mir wohnt?

Foto: pixabay | Peter H.


Stephanie Kelm

ist verheiratet und zu Hause im Taunus. Sie liebt es, schreibend und wandernd Gottes Welt zu entdecken und ist staunend und stolpernd unterwegs ins Vertrauen.


2 Gedanken zu „Hohe Türen, weite Tore“

  1. Kerzen haben Zeit,
    dieser Beitrag brachte mich doch kräftig zum Schmunzeln. Das Leben meines Mannes verläuft nie andante, immer allegro, furioso, fortissimo, Eisberg voraus…
    Bis die Zeit der Kerzen kommt und dann sieht man ihn stehen, still und versunken, Kerzen um ihn und es tropft und tröpfelt, es wird gebogen und geformt gepustet und neu entfacht.
    Menschen sind oft so anders als wir sie zu kennen glauben und Gott ist noch so ganz anders- das freut mich irgendwie und macht mir Mut,
    Ganz liebe Grüsse

    1. Liebe Sabine, jetzt musste ich schmunzeln, hast du die Szene doch so eindrücklich beschrieben, dass ich gar nicht anders kann, als sie mir vorzustellen. Euch weiterhin ein gutes Kerzenmiteinander!

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