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Knossis Bogen

Gerade läuft die zweite Staffel von „7 vs. Wild“ auf YouTube. 7 Teilnehmer – Survivalexperten wie Laien – sind 7 Tage lang allein auf einer tropischen Insel, ohne Kontakt zur Außenwelt. Aufgenommen wurde alles bereits im August, gefilmt haben sich die Teilnehmer selbst.

Knossi, einer der Teilnehmer, hat mittlerweile meine Sympathie gewonnen. Von Survival hat er nicht viel Ahnung, aber gerade er ist derjenige, dem im Moment alles irgendwie gelingt. Die Kokosnüsse holt er erfolgreich von der Palme, sein Feuer brennt als Erstes und während andere bereits unter der Isolation leiden, genießt er die Ruhe und kann sich über seine Erfolge so herrlich freuen wie ein Kind.

So auch beim Bau von Pfeil und Bogen, einer Tagesaufgabe. Während die anderen mit ehrgeizigen Zielen starten, gibt Knossi erst mal zu, dass er so etwas noch nie gemacht hat. Zugegeben, sein Konstrukt sieht am Ende nicht sehr funktionstüchtig aus, dennoch geht er die Aufgabe überlegt an.

Als ich Knossi zusehe, muss ich lächeln und ziehe zugleich innerlich vor ihm den Hut. Er weiß, dass sein Pfeil nicht meterweit fliegen wird. Die Aufgabe gilt als erfüllt, wenn der abgeschossene Pfeil im Holz steckenbleibt; je weiter er fliegt, desto höher die Punktzahl. Und während andere sich fünf Meter und weiter vor ihrer selbstgebauten Zielscheibe positionieren, stellt sich Knossi 30 Zentimeter davor – und schießt.

Die Szene berührt mich. Vielleicht, weil ich es ganz anders gemacht hätte. Ich bewundere Knossis Mut. Er wirft nicht von vornherein die Flinte ins Korn. Er sagt nicht: „Ich lass das lieber“ oder „Ich habe sowieso keine Chance gegen die anderen“. Nein, er stellt sich hin mit seinem Bogen, den er gebaut hat und der diesen Namen wirklich nicht verdient. Und er ist so verwegen, sich direkt vor sein Ziel zu stellen, weil er weiß: Nur so kann aus dieser eigentlich lächerlichen Angelegenheit vielleicht doch etwas werden.

Manchmal im Leben komme ich mir so vor wie Knossi. Ich weiß, die anderen können es besser. Und ich stehe da, betrachte meinen „Bogen“ und eigentlich ist das, was ich zusammenkonstruiert habe, einfach nur lächerlich. Ich sollte es lieber lassen. – Und dann flüstert Gott mir ins Ohr: „Schieß trotzdem. Stell dich einfach ganz nah heran die Scheibe. Ich helfe dir.“

Mich von meiner Unvollkommenheit nicht abhalten zu lassen vom Leben, sondern mich hineinzutrauen und so zu leben, wie ich es kann. Egal, wie gut andere sind. Egal, was sie sagen oder denken. Den Mut haben, nicht die Vollkommene, Erfolgreiche und über alles Erhabene zu sein. Ich wäre es gern. Aber ich bin es nicht.

Es wäre auch nicht gut. Vielleicht braucht es gerade das Verletzliche, das Unvollkommene, damit echte Nähe entstehen kann, damit Menschen als Mensch sichtbar werden. Knossi ist mir sympathisch, weil er echt ist und sich traut, sein Halbwissen vor die Kamera zu halten. Er ist mir nah, weil ich mit ihm mitfiebere und weiß, dass er es eben nicht mit links macht.

Ich will meine Grenzen annehmen und nicht als Hemmschuh betrachten. Ich will das Unvollkommene und Zerbrechliche als Geschenk betrachten, das mich besonders macht. Ich will mich beherzt ins Leben wagen und nicht vom Aber ausbremsen lassen.

„Schieß trotzdem. Stell dich einfach ganz nah heran an die Scheibe. Ich helfe dir.“ Gott macht mir Mut, es zu versuchen, da zu sein, mich nicht zu verstecken. Er macht mir Mut zu schießen, wie ich es kann, und einfach mal die anderen zu vergessen.

Knossi steht 30 Zentimeter vor seiner Zielscheibe. Er schießt. Der Pfeil fällt zu Boden. Er lacht, hebt den Pfeil auf, schießt erneut. Und irgendwann trifft er – er kann es kaum fassen. Er feiert und freut sich, weil er weiß, dass er damit die Aufgabe gelöst hat. Der Pfeil steckt! Der Pfeil steckt!!! Einen Punkt hat er! Und ich spüre, wie ich mit ihm feiere, mich für ihn freue.

Vielleicht ist das die schönste Freude, um die ich mich aber oft selbst bringe: Wenn andere um meine Schwachheit und Grenzen wissen, können sie ganz anders mit mir feiern.

Knossi beendet die Szene mit den Worten: „Ganz ehrlich, dass ich sowas überhaupt hinkriege! Krass! … Natürlich wird das ganz weit hinten landen, aber ein Punkt ist ein Punkt. Oder zwei Punkte. Vielleicht hat auch jemand gar nichts gemacht. Wichtig ist anzutreten!“

Recht hat er.

Foto: pixabay | Franck Barske


Stephanie Kelm

ist verheiratet und zu Hause im Taunus. Sie liebt es, schreibend und wandernd Gottes Welt zu entdecken, ist stolpernd unterwegs ins Vertrauen und immer wieder erstaunt, wie gut Gott ist.


2 Gedanken zu „Knossis Bogen“

  1. Dein Text berührt mich sehr. Vor Allem der eine Satz wird in meinem Herzen bleiben:
    „Vielleicht ist das die schönste Freude: Wenn andere um meine Schwachheit und Grenzen wissen, können sie ganz anders mit mir feiern.“

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