Zum Inhalt springen

Wie viel Geduld hat Gott mit mir?

Die Frage nach Gottes Geduld trifft mich, wo ich an seinen und meinen Ansprüchen scheitere. Wie viel Geduld hat Gott mit mir? Wie sicher bin ich bei ihm?

Fragen an Gott

Wie viel Geduld hat Gott mit mir?

Ich strapaziere Gottes Geduld oft. Meist denke ich in diesen Situationen: Das hätte ich besser wissen, besser hinbekommen müssen! – Habe ich aber nicht. Wie lange hat Gott Geduld mit mir?

In diesem Blogbeitrag denke ich über Gottes Geduld mit mir nach und suche nach Antworten in der Bibel.

Der Hintergrund meiner Frage

Vieles gelingt mir nicht. Zwischenmenschlich, weil Ungeduld, Neid, Geiz, Verachtung und mein Egoismus immer wieder dazwischenfunken. Und in der Beziehung mit Gott, weil ich es nicht schaffe, an ihm dranzubleiben.

Es ist nicht nur Gottes Anspruch, dem ich nicht gerecht werde. Es ist auch meiner.

verschiedenfarbige Fäden, Gottes Geduldsfaden reißt nicht
Wie dick ist Gottes Geduldsfaden?

Wie viel Geduld hat Gott mit mir? Wie lange hört er sich mein „Es tut mir leid“ an?

Wenn ich Gott wäre, hätte ich schon längst … Zugleich weiß ich: Gottes Geduld ist nicht endlos. Dafür gibt es genug Beispiele in der Bibel. Was bleibt, ist Angst oder die Selbstberuhigung: „Gott ist Liebe und Geduld. Vergiss das nicht.“

Doch decken Gottes Liebe und Geduld wirklich alles zu?

Gottes Geduld im Alten Testament

Worte und Bedeutungen

Zuerst suche ich, wo der Begriff Geduld im Alten Testament vorkommt – und erlebe Überraschung Nummer 1. Ich finde ihn nur dreimal, davon nur einmal auf Gott bezogen (Neh 9,30). Als ich nach dem Stichwort „geduldig“ suche, sind es immerhin elf Treffer. Vermutet hatte ich mehr.

Die nächste Überraschung folgt, als ich ins Hebräische, in den Grundtext schaue. Denn hier gibt es weder „Geduld“ noch „geduldig“, sondern direkt übersetzt steht für das im Deutschen verwendete Wort nur „langsam zum Zorn, langmütig, lang sein“. Gottes Zorn.

Gottes Geduld und Gottes Zorn

Dass Gottes Geduld untrennbar mit Gottes Zorn verknüpft ist, befremdet mich. Zugleich spüre ich: Es ist stimmig. Es stimmt. Ich bin Sünder und „ermangele des Ruhmes“, den ich vor Gott haben sollte (Röm 3,23). Andererseits: Ist Gott deswegen zornig auf mich? Immer? Und muss er sich deshalb bremsen, damit er mir keine überbrät?

Dieses Bild von Gott behagt mir nicht. So sehe ich Gott nicht. So will ich ihn nicht sehen. Gibt es nicht zahlreiche Begebenheiten in der Bibel, die mir einen anderen Gott zeichnen? Was mache ich also mit Gottes Zorn? Ich habe gar nicht den Eindruck, dass er zornig auf mich ist!

Es ist ein weites Thema, das sich mir hier öffnet. Gottes Zorn, seine Gerechtigkeit, Sünde, Gericht. Unmöglich kann ich das alles in diesem Beitrag bearbeiten. Was aber bedeutet das alles für Gottes Geduld mit mir?

Wie zornig ist Gott, wie geduldig?

Vier Punkte zu Gottes Geduld im Alten Testament

Vier Dinge werden mir beim Betrachten von „Gottes Geduld im Alten Testament“ wichtig.

(1) Die Geduld Gottes steht im Zusammenhang mit Gottes Zorn. Das kann ich nicht ändern. Zugleich weiß ich, dass meine Liebe zu ihm, zu anderen, zu mir oft keine Liebe ist, häufig nicht mal guter Wille. Gott muss damit ein Problem haben, unabhängig von seiner Liebe zu mir. Als heiliger, allmächtiger, allwissender Gott kann er das nicht einfach wegwischen. Damit würde er sich selbst verleugnen. Insofern: Gott ist ehrlich. Er arbeitet sauber. Und ich kann nur anerkennen: Gott, du hast recht.

(2) In 2. Mose 34,6 taucht erstmals eine Formel auf, die sich durchs ganze Alte Testament zieht. Gott sagt hier: Ich bin „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“. Der Text verbindet Gottes Geduld mit seiner Gnade, Barmherzigkeit und Treue. Diese Kombination taucht wie eine Formel immer wieder auf. Aus meiner Sicht ist das kein Zufall, denn Gottes Langsamsein zum Zorn gehört eben genau dahin: zu seiner Gnade und Treue.

Gottes Langsamsein zum Zorn gehört eben genau dahin: zu seiner Gnade und Treue.

(3) In einem Kommentar finde ich eine Aussage, die mir weiterhilft. „Der majestätische Gott, dessen Zorn Israel anerkennen muß, sobald ihm die Offenbarung Gottes widerfährt, bezeugt sich dem Volke überraschender Weise gleichwohl als der Gott, der diesen Zorn zurückstellen will, um seine Güte und Gnade walten zu lassen. Zorn und Gnade Gottes sind nun die beiden Pole, die die Spannweite seiner ‚Langmut‘ ausmachen.“[1] Gottes Zorn ist existent, ja, aber zugleich möchte Gott seinen Zorn zurückstellen. Er will langsam zum Zorn sein, er will vergeben, gnädig sein.

(4) Gottes Agieren im Alten Testament zeigt sein geduldiges Wesen. Adam und Eva kleidet er ein, bevor er sie ins Leben ohne Paradies schickt. Abraham segnet er, obwohl dieser nicht nur Glaubensheld ist, sondern auch lügt und leugnet. Das Volk Israel befreit Gott aus Ägypten und hört sich jahrelang ihr Gejammer an, obwohl er für sie sorgt. Er will sogar durch die Stiftshütte mitten unter ihnen wohnen! David segnet er trotz Seitensprung und Mord. Immer wieder schickt er seine Propheten. Jona beschwert sich sogar, dass Gott so langmütig ist und Ninive verschont (Jon 4,2)!

Zwischenfazit

Rettungsring mit Seil und durchscheinender Sonne, Gott hat Geduld mit mir
Gott ist nicht auf Rache aus. Er ist geduldig, zugewandt.

Im Alten Testament sehe ich keinen Gott, der rächt und nicht an sich halten kann. Ich sehe vor allem einen zugewandten Gott, einen Gott, der Menschen nachgeht und der erstaunlich geduldig ist. Zwar wird Gottes Zorn punktuell sichtbar, aber er ist nie vorherrschend. Gott lässt Abraham sogar mit sich handeln, als es um das Gericht über Sodom und Gomorra geht (1 Mo 18,16 ff.)!

Gottes Geduld heißt, er ist „langsam zum Zorn“. Vielleicht ist diese Formulierung passender, als ich dachte. Gott agiert nicht willkürlich wie wir Menschen, er platzt nicht vor Wut. Das Gegenteil ist der Fall: Gott hat viel Grund zum Zorn, aber er hält ihn zurück. Für mich.

„Geduld“ in der außerbiblischen Literatur

In der außerbiblischen Literatur kommt das in der Bibel für Geduld verwendete Wort unter anderem bei Aretaios vor. Aretaios (2. Jh. n. Chr.) war ein griechischer Arzt. Er verwendet den Begriff, um die Ausdauer und Geduld zu beschreiben, die ein Arzt bei der Behandlung schwieriger chronischer Erkrankungen benötigt.[2] Vielleicht ein guter Vergleich für die Geduld, die Gott mit uns Menschen hat, die wir chronische Sünder sind?

Gottes Geduld im Neuen Testament

Worte und Bedeutungen

Im Neuen Testament sind es zwei Begriffe, die auch mit Geduld übersetzt werden. Ein Begriff (makrothumia) bezeichnet besonders Gottes Langmut, der zweite (anochae) legt den Schwerpunkt eher auf Nachsicht, gutmütige Toleranz und den Aufschub von Strafe.

Auffällig an den Textstellen im Neuen Testament ist, dass es nicht so sehr um Gottes Geduld geht, sondern um die Geduld seiner Nachfolger. Von den 45 Stellen über Geduld thematisieren nur 7 die Geduld Gottes.

Und noch etwas überrascht mich: In den Evangelien spielt das Wort „Geduld“ in Bezug auf Gott nur im Gleichnis vom Schalksknecht (Mt 18,26.29) eine Rolle. Jesus selbst wird nirgends als geduldig bezeichnet – obwohl er es zweifellos war.

Ich habe in meinem Leben zwei wichtige Dinge gelernt: dass ich ein großer Sünder bin und dass Gott ein noch größerer Retter ist.

John Newton

Drei Dinge zu Gottes Geduld im Neuen Testament

Drei Stellen über Gottes Geduld im Neuen Testament werden mir wichtig:

(1) In Römer 2,4 sind Gottes Geduld und Güte die treibende Kraft dafür, dass alle Menschen zu Gott finden (1 Tim 2,4). Das ist Gottes Ziel! Deshalb hält er die Spannung zwischen seinem Zorn und seiner Gnade aus. Er will geduldig sein, weil er sein Ziel, uns Menschen erreichen will.

(2) In Römer 15,5 wird Gott als „Gott der Geduld und des Trostes“ bezeichnet. Was für ein Name! Der Text erinnert auch an die Frucht des Geistes (z. B. Gal 5,22), die Geduld. Wenn sie schon Geduld ist, wie viel mehr muss dann der Heilige Geist, Gott selbst, Geduld sein! Das Hohelied der Liebe (1 Kor 13), in dem ebenfalls von Geduld und Langmut die Rede ist, lässt sich ähnlich übertragen. Wenn Gott so ist, dann hat er kein Interesse daran, zu vernichten.

(3) Der Text in 2. Petrus 3,9 führt den Grund für Gottes Geduld damit an: Gott will nicht, dass „jemand verloren werde“. Er wartet, hat Geduld, um möglichst viele Menschen zu retten und zu gewinnen (siehe auch Vers 15).

Im Neuen Testament wird die Geduld Gottes stark mit Gottes Rolle als Erlöser und Retter verknüpft. Es wird deutlich, dass Gott bewusst geduldig wartet und geduldig agiert, um möglichst viele Menschen zu gewinnen.

Auch hier bedeutet Geduld nicht Verzicht oder Übersehen. Gottes Geduld übersieht nichts, sie sieht nur weiter.

Sonnenblume, Gott hat Geduld, bis ich aufblühe
Gottes Geduld wartet aufs Aufblühen und Reifen.

Gottes Geduld, Gottes Zorn und das Kreuz

Dass Gottes Geduld so eng mit dem Gedanken an Schuld, Gericht und Gottes Zorn verbunden ist, stellt tatsächlich vor ein Dilemma. Geduld ist eben nicht nur gut, sondern weist auf der anderen Seite unweigerlich auf das, was Geduld erfordert.

Zugleich möchte Gott seinen Zorn nicht ausagieren, sondern retten. Er selbst steht also in diesem Dilemma, was letztlich nur er lösen kann. In Jesus wird die Lösung sichtbar. In Kolosser 2,14 heißt es: Gott „hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet“.

Durch Jesus wird Gottes Zorn für null und nichtig erklärt für diejenigen, die seinen Tod am Kreuz für sich annehmen. Am Kreuz treffen sich Zorn und Gnade. Die Geduld kommt zu ihrem Ziel.

Wie lange hat Gott Geduld?

Raupe am seidenen Faden, Gottes Geduld schneidet mich nicht ab
Gottes schneidet mich nicht ab, er hat Geduld.

Doch wie lange hat Gott jetzt wirklich Geduld mit mir? Wann sagt er „Schluss jetzt“ – sagt er es überhaupt?

Dem Gleichnis vom Schalksknecht vorgelagert ist die Frage von Petrus an Jesus: „Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben?“ (Mt 18,21) Hier stellt Petrus die Frage, meine Frage: Wie oft? Wie lange? Und schlägt eine großzügige Zahl vor: siebenmal.

Jesu Antwort fällt deutlich aus: „nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal“ (Vers 22). Wer rechnet, kommt jetzt auf die Zahl 490. Was Jesus aber eigentlich sagen will, ist: „Zähl nicht, vergib einfach!“

Wenn Jesus schon seinen Nachfolgern solch einen hohen Maßstab vorhält, wie viel weiter und großzügiger wird seine Geduld und Vergebungsbereitschaft mir gegenüber sein. Im Grunde lässt sie sich nicht messen. Auch das ist die Aussage im Gleichnis: Der König erlässt seinem Knecht die Schuld von 10.000 Zentnern Silber.

Zugleich enthält das Gleichnis eine ernste Wende. Der Knecht begegnet seinem Mitknecht, der ihm 100 Silbergroschen schuldet – und wirft ihn ins Gefängnis, weil dieser nicht bezahlen kann. Ist am Ende also doch alles von meinem Auftreten abhängig? Wenn ich vergebe, wird mir vergeben. Wenn ich geduldig bin, ist Gott geduldig …

Hier eine Regel zu suchen, wäre zu kurz gedacht. Allein die Relationen in dem Gleichnis zeigen, wie absurd das mit den 100 Silbergroschen ist. Zugleich sind Gottes Gaben immer darauf angelegt, dass auch mein Nächster etwas davon hat.

„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (1 Mo 12,2) Das ist keine Verpflichtung, das ist ein Versprechen.

Gottes Geduld rechnet nicht

Geduld. Gott hat sie. Deshalb haben wir eine Chance. Letztlich ist sie – neben vielen anderen Dingen – Gottes Geschenk an uns Menschen. Und sie ist zutiefst Ausdruck von Gottes Wesen, von seiner Liebe und von seinem Wunsch, dass wir zu ihm zurückfinden.

Da Gott heilig ist und sich nicht verleugnen kann, hat seine Geduld auch immer mit seinem Zorn gegenüber der Sünde zu tun. Zugleich hält er ihn bewusst zurück, damit Menschen gerettet werden können. Wo Gott punktuell wirklich richtet, zornig ist, geschieht das nicht willkürlich, sondern angekündigt und mit Rettungsangebot.

Die Frage nach dem „Wie lange?“ oder „Wie oft?“ ist eine menschliche Frage, die Gott nicht stellt. Gott rechnet nicht, auch nicht siebenmal siebzig. Seine Antwort auf mein Fehlen ist Jesus am Kreuz. Dort begegnen sich sein Zorn über die Sünde und seine Gnade zum Sünder.

Wie lange hat Gott Geduld mit mir? Wenn du dir diese Frage stellst, dann sei sicher: Gott hat Geduld mit dir. Er will dir nichts überbraten und bestimmt nicht die Nase vor der Tür zuschlagen. Im Gegenteil: Sein Fuß steht in der Tür, damit sie eben nicht zugeht. Bei ihm bist du sicher.

So ist Gott – barmherzig, gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue. Daran glaube ich.

Fotos: pixabay | Icons8_Team (Banner), Nick115, Congerdesign, wal_172619, M W


[1] Gerhard Kittel und Gerhard Friedrich, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Verlag W. Kohlhammer, 1942), 378–379.

[2] Aret III 1 in CMG II p 36, 12.


Anderes aus der Kategorie „Fragen an Gott“


Stephanie Kelm

ist verheiratet und zu Hause im Taunus. Sie liebt es, schreibend und wandernd Gottes Welt zu entdecken und ist staunend und stolpernd unterwegs ins Vertrauen.


Danke für deinen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert